Auroville - eine Vision in Arbeit
Mittwoch, 15. September 2004
19:30
EineWeltHaus, Großer Saal
Vor 35 Jahren startete in Südindien das kosmopolitische Großprojekt Auroville, aus der geplanten Zukunftsstadt für 50.000 Menschen - gemäß dem integralen Yoga von Sri Aurobindo und der Mutter, wurde zwar nichts, aber es entstand ein interessantes Siedlungsprojekt mit heute 2.000 Menschen, voller ökologischer, architektonischer und sozialer Experimentierkraft, eigener Ökonomie und interessanter politischer Binnenstruktur.
Renate Börger, Autorin des Buchs "Auroville - eine Vision in Arbeit" stellt das Projekt mit seinen Schwächen und Stärken vor und zeigt Dias.
Eine Vision in Arbeit
35 Jahre Auroville
Eine avantgardistische Zukunftsstadt für 50.000 WeltbürgerInnen sollte es werden, mit spirituellem Anspruch gemäß den Lehren der indischen Weisen Sri Aurobindo und Mira Alfassa, genannt die Mutter. Auroville sollte als Vorbild für ein neues kosmopolitisches Bewusstsein in die Welt strahlen, doch der Plan zerrieb sich an allzumenschlichen Wirklichkeiten, möglicherweise Gott sei Dank, denn stattdessen erblühte ein beachtliches Dauerimprovisorium, wuchs heran zu einem Gewebe aus eigenwilligen Communities, mit heute 2000 Menschen aus aller Welt, mit einer eigenwilligen sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Binnenstruktur.
In den 60er Jahren entworfen, machten die Stadtentwürfe damals vor allem in Frankreich Furore, erreichten sogar die Unterstützung der UNESCO und mobilisierten bis zur Grundsteinlegung 1968 entschlossene Siedlungs-Pioniere. Mit der Idee Auroville lockte ein Abenteuer für urbane Geist- und Tathungrige. Westliches Ich und östliche Transzendenz sollten hier segensreich verschmelzen. Es ging um eine Stadt mit allem drum und dran, mit Ökonomie, Landwirtschaft, Kultur und Spiritualität, und nicht nur um ein Meditations- oder Therapiezentrum!
Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen, das sollte hier- frei nach Marx - ohne zentralistische Planwirtschaft, als frei schwingendes Gemeinwesen möglich werden, aufbauend auf einem anspruchsvollen, spirituell motivierten Subjektivismus mit einem radikalen Verständnis von Selbstverantwortung.
"Der Einzelne ist das Tor der Entwicklung", beharrte Sri Aurobindo, und die Mutter wollte dafür einen konkreten Experimentier-Ort schaffen:
"Die Erde braucht einen Platz, wo Menschen jenseits nationaler Rivalitäten, sozialer Konventionen, in sich widersprüchlicher Moralitäten und einengender Religionen leben können..." (die Mutter, September 1969)
Der Name Auroville bedeutet: Stadt der Morgenröte (Aurora - die Morgenröte). Aufgehen soll hier in der Morgendämmerung das integrale Bewusstsein.
In 35 Jahren Entwicklung hat Auroville eine heilsame Wirklichkeitstherapie durchgestanden. Insbesondere seit dem Tod der MUTTER (1973) hat es sich in Arbeit, Leben und Lieben auf realistische Nahziele zurückgestutzt. Statt der künstlichen Stadt vom Reißbrett hat sich ein locker gefügtes Siedlungsgewebe ausdifferenziert, halb geplant, halb ungeplant, in Allmählichkeit.
Allerdings lebt das große Ziel, die große Durchbruchsvision mitsamt den Vorstellungen einer richtigen, urbanen Stadt als Langzeitvision fort, und sorgt für heiße Herzen. Die MUTTER und Sri Aurobindo sind als hoch verehrte Schutzheilige überall präsent, geben Auroville in Wort und Bild, in Traum und Wirklichkeit ihre Prägung, ihnen ist das Mühen gewidmet.
Was in 35 Jahren entstanden ist:
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Ein Netzwerk aus kleinen und größeren Communities für 1.200 Erwachsenen und mehrere Hundert Kinder, auf erfolgreich aufgeforstetem Land, in üppiger Flora und Fauna, in guter sozialer Infrastruktur, mit zentraler Solar-Großküche, Cafes, Gesundheitszentrum, Theater, Chor und Badestrand.
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Die Lebens- und Bauweisen changieren zwischen einfach und luxuriös, zwischen Einsiedelei und Gemeinschaftsbezogenheit.
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Ein Grüngürtel mit Öko-Landbau wächst dem Ziel der Selbstversorgung entgegen.
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Städtebaulicher und künstlerischer Freiraum, mit vergleichsweise wenig Geld genutzt, haben Oasen der Kreativität geschaffen. Mit vielen internationalen Preisen wurde die innovative Architektur belohnt und belobt.
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Mit interessanten Forschungsprojekten und spannenden Schulversuchen nähert sich Auroville dem Anspruch, ein Ort des schöpferischen Lernens zu sein. Psychologische und naturheilkundliche Therapiemethoden erweitern das Lernfeld der Arbeit am Selbst.
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Ein weit gespannte Ökonomie, mit Bau- und Solartechnik, Handwerklichem, Schönen, Nützlichem, und auch in der IT-Branche vorne mitrudernd, entspricht dem Ziel einer "Vision in Arbeit". Zwar ist Auroville noch kein postkapitalistischer Wegweiser, aber die wirtschaftlichen Grundfragen nach Markt, Eigentum, angemessenem Verdienst, Ungleichheit oder Gleichheit, der Rolle des Geldes und der Gestaltung von Verantwortung werden hier immer wieder neu aufgeworfen und in Lebenspraxis erkundet.
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Als sozialpsychologisches Experiment erkundet Auroville die Spannweite zwischen Individualität und Gemeinschaft, zwischen Freiheit aus Bewusstheit und Ordnung aus Regeln. Die Mühen um eine partizipative Basisdemokratie, ja gar die Suche nach besseren als den herkömmlichen demokratischen Regierungsformen lassen viele zwar stöhnen , aber sie gehören zum Suchprozess jenseits von Machthierachien wohl unumgänglich dazu. Neue Hoffnung auf erleichterte Meinungsbildung macht die elektronische Kommunikation per Intranet usw.
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Auroville hat die organisationsrechtliche Form einer Stiftung, der Auroville-Foundation, mit quasi exterritorialer Entscheidungsautonomie, aber beobachtet von der indischen Regierung, die sich die Hoheit über das Aufenthaltsrecht der ausländischen Aurovillianer vorbehält. Den Status "Aurovillianer" erreicht man nach 2-jährigem Probeleben und einem Gespräch, in dem die wechselnden Mitglieder der sogenannten Entry-Group Motivation und Perspektiven erfragt.
Im Rahmen der Stiftung sind alle gewerblichen Aktivitäten Non-Profit-Unternehmungen.
Die erste und die dritte Welt spannungsreich Tür an Tür ...
Die aurovillianische Welt und die traditionelle Welt der Tamil-Dörfer, Tür an Tür, sorgen für Dauerherausforderungen auf beiden Seiten, doch dem ist zu verdanken, dass Auroville nie ein abgehobener Ort wurde.
Mehrere Dörfer der einheimischen Tamilen und die Auroville-Siedlungen bilden miteinander einen Fleckerlteppich in einem Radius von rund 15 Kilometern.
"Die Tamilen sind die ersten Aurovillianer!" hatte die MUTTER - ohne sie zu fragen - definiert und die extrem Unterschiedlichen ins kalte Wasser der notgedrungenen Anfreundung geschubst. Der Verdacht auf quasi koloniale Zustände bleibt ein nagender Dauerverdacht.
In den Hüttendörfern leben die Tamilen auf kargem Lebensstandard im traditionellen Großfamilien- und Kastenverbund fort.
Erfreuliche Arbeitsplätze (inzwischen sind es 5000!) versöhnen sie mit unerfreulichen Irritationen, jedoch bleibt das Verhältnis spannungsvoll.
Auroville lebt zudem geradezu exemplarisch inmitten von Konflikten, wie sie weltweit globalisierungsbedingt toben.
In zahlreichen Aktivitäten und Kampagnen gibt man sich allerdings Mühe, die Dörfer entwicklungsmäßig irgendwie mitzuziehen, denn man möchte schließlich ein Vorbild an Integrationskraft sein. Manches - wie bessere Gesundheit und Bildung - scheint zu glücken, manches scheitert. Weder hat sich der Öko-Landbau gegen DDT und alte Vorstellungen von Ertragssteigerungen durchsetzen können, noch verhindert die bessere Bildung insbesondere der Frauen, dass noch immer weibliche Föten getötet werden.
Auroville hält jedoch tapfer am Anspruch fest:
" In einer Welt, die nach wie vor in ethnische Kämpfen, Kriegen und Umweltzerstörung zerrieben wird, und in der die Kluft zwischen Armen und Reichen immer größer wird, steht Auroville für ein beachtenswertes Experiment der Manifestation einer anderen menschheitlichen Zukunft. "(Zitat aus einem Prospekt)
Auroville ist eine eigenwillige, gelebte Kosmopolis und allein schon die Vielfalt des Lebens, wie sie sich in den recht interessanten weißen und farbigen Menschen aus 50 Nationen repräsentiert, macht es zu einem anziehenden, bunt schillernden Flecken Welt.
Auroville-Tourismus
Außer Verwandten und treuen Auroville-Freunden kommen viele Gäste zu Besuch, hauptsächlich in den angenehmen frühsommerlichen Monaten Dezember, Januar und Februar. Sie können organisierte Einführungswochen mitmachen oder auf eigene Faust, von einem der vielen Gästehäuser aus, Auroville erkunden. Sie können irgendwo mitarbeiten, landwirtschaftlich, am Computer, in den Schulen unterrichten, einen für Auroville interessanten Vortrag, einen Workshop halten, oder sich an der Freiwilligenarbeit am Matrimandir beteiligen. Geld darf man dafür allerdings nicht erwarten, darf umgekehrt dafür aber alle Kulturangebote Aurovilles kostenlos genießen. Man kann inzwischen auch eine Art Kur im neuen Therapiezentrum oder einen Yoga- Kurs buchen, das weite Feld der New-Age-Therapien ist zunehmend vertreten. Es bietet sich jedenfalls an, die vielen Möglichkeiten des Mittuns zu nutzen, denn umso besser findet man hinein, in das schwer durchschaubare und kaum überschaubare Auroville!
Sri Aurobindo
hatte mit seinem integralen Yoga auf hinduistischem Hintergrund ein ähnliches Denkgebäude herausgearbeitet wie in der Schweiz der Bewusstseinsforscher Jean Gebser und in Frankreich, auf katholischem Grund, der Franzose Teilhard de Chardin. Die Menschheit durchschreitet demnach Stufen der geistigen Entwicklung, an deren Ende die jetzige mentale Epoche des vitalen Ich's abgelöst wird von der supramentalen Epoche, was bei Teilhard de Chardin etwa der Weg zum Punkt Omega ist und bei Jean Gebser - ähnlich wie aktuell bei Ken Wilber - das integrale Zeitalter. Integral, das soll mehr sein als eine Synthese, mehr als einfach nur eine Zusammenfügung. Es ist die Fähigkeit, vorherige Seinsstufen in ständigen Hin- und Herbewegungen des Wahrnehmens und Würdigens mit in den neuen Seinsszustand hinein zu nehmen. Diese evolutionistische Sicht der Spiritualität ist bis heute in Auroville am Werk, mehr oder weniger erfolgreich.
1954 hatte die MUTTER diesen "Traum", er wurde später zur Grundlage der Auroville-Charta
Es sollte irgendwo auf der Erde einen Ort geben, den keine Nation als ihr Eigentum beanspruchen könnte, wo alle gutwilligen Menschen mit einer aufrichtigen 'Aspiration' frei als Weltbürger leben und einer einzigen Autorität, der der höchsten Wahrheit, gehorchen würden;
ein Ort des Friedens, der Eintracht und der Harmonie, wo alle kämpferischen Instinkte des Menschen ausschließlich dazu benutzt würden, die Ursachen seines Leidens und Elends zu bewältigen, seine Schwächen und seine Unwissenheit zu überwinden, über seine Begrenzungen und Unfähigkeiten zu triumphieren;
ein Ort, an dem die Bedürfnisse des Geistes und die Sorge um Fortschritt der Befriedigung der Begierden und Leidenschaften und der Suche nach materiellen Vergnügungen und Genuss vorgezogen würden.
An diesem Ort würden die Kinder wachsen und sich integral entwickeln können, ohne die Verbindung mit ihrer Seele zu verlieren.
Unterricht würde erteilt werden, nicht um Examen zu bestehen oder Zeugnisse und Stellungen zu erhalten, sondern um schon vorhandene Fähigkeiten zu bereichern und neue hervorzubringen. An diesem Ort würden Titel und Stellungen ersetzt werden durch Gelegenheiten zu dienen und zu organisieren.
Den Bedürfnissen des Körpers würde für alle in gleicher Weise entsprochen werden, und in der allgemeinen Organisation würde sich intellektuelle, moralische und spirituelle Überlegenheit nicht durch Vermehrung der Vergnügen und Mächte des Lebens ausdrücken, sondern durch Anwachsen der Pflichten und Verantwortungen.
Schönheit in allen künstlerischen Formen - Malerei, Bildhauerei, Musik und Literatur - wäre allen gleichermaßen zugänglich. Die Gelegenheit, an der Freude, die sie gibt, teilzuhaben, würde nur durch die Fähigkeit jedes Einzelnen begrenzt sein und nicht durch seine soziale oder finanzielle Stellung.
Denn an diesem Ort wäre Geld nicht mehr der unumschränkte Herrscher. Der individuelle Wert des Menschen wäre von größerer Bedeutung als materieller Reichtum und soziale Position.
Arbeit wäre hier nicht ein Mittel, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, sondern ein Mittel, sich auszudrücken und seine Fähigkeiten und Möglichkeiten zu entwickeln. Zugleich würde sie der Gemeinschaft dienen, die dann ihrerseits für den Unterhalt des Einzelnen aufkommen und für sein Arbeitsgebiet sorgen würde.
Kurz, es würde ein Ort sein, wo die Beziehungen zwischen den Menschen, die sich gewöhnlich fast ausschließlich auf ehrgeizigen Wettbewerb und Kampf gründen, ersetzt wären durch Beziehungen des Wetteiferns, bei dem jeder sich bemüht, sein Bestes zu tun, Beziehungen also der Zusammenarbeit und wahren Brüderlichkeit.
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