"Jubeldemo: "Sozialabbau ist geil! München jubelt!" (08.10.2003)



Am Mittwoch, den 7.10.2003 fand im Rahmen der Aktionstage der "Initiative für ein Münchner Sozialforum" (www.m-sf.de) eine Jubeldemo für Sozialabbau als Auftaktdemonstration statt.
Einige Journalisten waren verwirrt über die sozialdarwinistischen Aussagen ihrer fröhlichen Interviewpartner, die Menschen am Straßenrand haben sich gefreut: rosa gekleidete Cheerleaders, eine fröhliche Menge zumeist junger Menschen demonstrierte bei winterlichem Wetter und unter erheblichem Polizeischutz mit Jubelmusik und Sprechchören wie "Ich, ich, ich AG", "Eins, zwei, drei, Sozialabbau ist geil" für die Agenda 2010, Kürzungen bei den Büchereien, Schulen und im sozialen Bereich. Diese satirische Aktion, bei der etwa 150 Menschen teilnahmen, hatte zum Ziel, die Leute zum Nachdenken über die derzeitigen Sozialkürzungen sowohl auf kommunaler als auch auf landes- und bundesweiter Ebene anzuregen. Die InitiatorInnen hoffen, damit auf die zunehmende soziale Ungerechtigkeit in Deutschland und auf der Welt aufmerksam machen zu können: einseitig wird bei den sozial Benachteiligten und ArbeitnehmerInnen gekürzt, während z.B. sämtliche Münchner große Unternehmen, die aufgrund ihrer Finanzstärke im DAX notiert sind, wie etwa die Hypovereinsbank keine Gewerbesteuern mehr zahlen.

Zwei Vorfälle am Rand der Demonstration erscheinen berichtenswert: kurz, bevor der Zug den Marienplatz erreicht hat, lösten sich erst einige wenige, dann immer mehr, um eine Filiale einer us-amerikanischen Fastfood-Kette besonders zu bejubeln: "Hoch dem Konsum!" skandierte die Menge. Der Zug stockte, wartete, unterstützte das Rufen. Es dauerte nicht lang, bis zwei Mannschaftswagen der Polizei da waren und die Polizisten im Laufschritt mit bereitgehaltenen Schlagstöcken den Eingang des Restaurants stürmten. Aber da war das Jubeln schon zu Ende, und der Zug ging ruhig weiter.

Einem Teilnehmer der Demonstration wurde von Umstehenden sein Transparent entrissen: Das Bibelzitat "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!", stand darauf. Sofort waren Zivilpolizisten zur Stelle, um die Personalien der Störer der angemeldeten Demonstration festzustellen. Es war also ein Vorgang, der möglicherweise in Parallele zu setzen ist mit dem, der die Münchner Bürgergesellschaft gerade bewegt: Die kürzliche Verurteilung von engagierten Mitbürgern, die im vergangenen Jahr zur Erleichterung der gesamten Stadtgesellschaft dazu aufriefen, Nazi-Demonstrationen in München zu verhindern. Die Störer der gestrigen Demonstration waren moralisch im Recht, denn sie verstanden den ironischen Charakter des Transparents im Kontext einer "Jubeldemo" nicht. Sie traten für die Menschenrechte ein, folgten ihrem Gewissen und verhielten sich gewissermaßen vorbildlich, was Zivilcourage angeht. Dagegen wird die Verurteilung einiger weniger Nazi-Gegner wie Martin Löwenberg, Christiaan Boissevain und anderen aufgrund eines Verhaltens, das im vergangenen Jahr allgemein als vorbildlich gelobt worden war, weithin als Skandal empfunden. Am Rande der Abschlußkundgebung wurde daher zur Klärung dieser Rechtsfrage die Anregung wiederholt, Oberbürgermeister Ude, Charlotte Knobloch und die Mitglieder des Stadtrats sollten Selbstanzeige üben, ebenso wie die anderen Persönlichkeiten, die im vergangenen Jahr dazu aufgerufen hatten, der Nazidemonstration am 12.10. (vorigen Jahres) nicht die Straße zu überlassen.

Im Anschluß an die Demonstration wurde im "Feierwerk" mit einem längeren Programm von politischen Liedermachern und Bands eine Jubelparty veranstaltet.

Die Aktionstage der Initiative für ein Münchner Sozialforum, die auch auf das im November in Paris stattfindende Sozialforum in Paris hinweisen wollen, finden vom 7.18. Oktober statt und bieten den Rahmen für zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen unter dem Motto: Eine andere Welt ist möglich. München sozial und solidarisch.


Die Ankündigung der Veranstaltung können Sie unter hier noch einmal nachlesen.
Photos der Aktion werden, ebenso wie die Redebeiträge auf der Abschlußkundgebung, auf unserer website unter "Presse" eingestellt (einen der Redebeiträge finden Sie unten anschließend), ein Radiobeitrag mit Interviews wird am kommenden Sonntag im "Radiolabor" bei Radio Feierwerk ab 12 Uhr auf der 92,4 MHz gesendet werden.


Rede bei der Jubeldemo (im Sendung-mit-der-Maus-Stil)



"Das dahinten ist das Rathaus. Im Rathaus sitzen viele Menschen, die viele wichtige Dinge tun. Das machen sie, indem sie Akten anschauen und danach alles entscheiden. Einige von ihnen sind gewählt, deshalb behaupten sie, sie würden die Interessen der Münchnerinnen und Münchner vertreten. Wahrscheinlich sind die Wahlen aber eher dazu da, dass sie das behaupten können. Denn eigentlich können die Leute nicht viel mitbestimmen. Neulich hat beispielsweise bei einem Volksentscheid eine Mehrheit dafür gestimmt, die Büchereien nicht zu schließen. Aber natürlich war den Herren im Rathaus etwas eingefallen, wie sie sie doch schließen können. Denn angeblich haben zu wenige abgestimmt, obwohl es bestimmt mehr waren als Herren im Rathaus. Sie haben nun mal die Macht, und das System, nach dem das funktioniert, nennt sich parlamentarische Demokratie. Darauf können wir sehr stolz sein. Im Rathaus gibt es natürlich auch Frauen. Aber es sind wenige, denn Frauen müssen sich um die Familie kümmern und sie sind auch viel weicher als Männer. Im Rathaus müssen aber harte Entscheidungen getroffen werden, und deshalb müssen die Frauen auch männlich sein. Bspw. hat der Stadtrat beschlossen, bei einigen Schulen und sozialen Einrichtungen zu sparen. Das ist zwar hart und ungerecht, aber es wäre natürlich noch schlimmer, wenn die Hypovereinsbank wieder Steuern zahlen müsste, denn das würde dem Standort München schaden.
Das Rathaus sollte auch schon an eine amerikan. Firma verleast werden. Das hätte nämlich Geld gebracht, und Geld ist das Allerwichtigste für die Herren im Rathaus. Und sie gehen davon aus, dass das bei allen so ist. Allerdings sind einige dieser Herren der Meinung, dass wir dennoch weniger Geld bekommen sollten. Wenn wir nämlich weniger Lohn bekommen, dann werden wir dafür auch nicht entlassen. Dann haben zwar fast alle weniger Geld, aber dafür geht es den Unternehmern und dem Standort Deutschland gut. Und das ist diesen Leuten dann am Allerallerwichtigsten.
Ja, so ist das mit dem Rathaus. Jeden Tag zu einer bestimmten Stunde kommen Touristen und gaffen das Glockenspiel am Rathaus an. Allerdings haben sie damit wohl nicht verstanden, was das eigentlich Interessante am Rathaus ist."


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